Übersicht Reformationsgeschichte - Übersicht Briefwechsel Eck
Nr. 70

Scheurl an Eck

Nürnberg
22-12-1518


Scheurl-Archiv Fischbach, Cod C, f. 190(226)b
SODEN/KNAAKE, Briefbuch 2, Nr 187, 76f
[F 216.f]

Scheurl bestätigt sowohl den Empfang eines (verlorenen) Briefes von Eck und erwähnt den Anlaß des Antwortschreibens, nämlich Jodocus Morlins Frage, ob er, Eck, nicht den Freunden schreiben wolle, denn niemand pflege nach Wittenberg zu reisen, ohne mit einem Packen Briefe zurückzukommen. So habe er ihm den Brief Ecks und andere an die Leipziger und Wittenberger mitgegeben. Aufgrund des von Erasmus veröffentlichten Briefes an Eck verbreiten sich Gerüchte darüber, was jener von Eck halte. Bartholomäus Arnoldi von Usingen in Erfurt beginnt an den Kirchenvätern Geschmack zu finden; deren Erneuerer, Luther, steht mit Gottes Hilfe noch aufrecht, lebt, befindet sich wohl, kämpft, predigt, liest, lehrt und streitet. Miltitz ist auf dem Weg zu ihm; er hat bei den Fuggern in Augsburg die Goldene Rose für Kurfürst Friedrich hinterlegt. Während dessen Zwischenaufenthalt in Nürnberg hat Scheurl mit Miltitz drei Tage lang über Luther gesprochen. So wird vielleicht mit Gottes Hilfe der Papst Luther anhören oder ihn mit ehrenvollen Bedingungen wieder aufnehmen. Inzwischen hat Leo X. die Ablaßdekretale »Cum postquam« erlassen, Luther wiederum seine »Acta Augustana« und eine Erwiderung an Cajetan wegen der zwei umstrittenen Artikel, die vor allem die Schlüsselgewalt betreffen. Scheurl will Eck die »Acta« zustellen, falls er ausreichend Exemplare erhält. Leo X. soll über die "bäurische Art" des Prierias sehr ungehalten sein. Die für Koberger bestimmten Goldstücke sind nicht eingetroffen.



Ad doctorem Johannem Eckium.

Vix acceperam litteras tuas, (1) quum renunciat Jodocus Morlin Friburgensis discipulus tuus Feltkirchio rediens (2), numquid nunciare velim amicis, sciens neminem Wittenbergam venire solitum non onustum litteris. Ei igitur et tuas Lipsi et Wittenb. et nostri Burchardi (3) consignavi fideliter reddendas, etsi magis arbitrer perditurum te tempus et sumptus quam Lipsenses desumpturos sibi decernendi provinciam.

Quod multi Erasmum de te sensisse arbitrantur, forsan praeter multa argumenta habuere, quod promittimus te sedulum praestiturum monitorem, (4) modo istic placuisse agnoscas et quod illi non vacat quibuslibet respondere, quodque scribit librum illum non editum quidem sed tantum probis ac fidis amicis communicandum, (5) atque post decem conclusiones authorem ad palaestram provocantem, si quis forsan ausit manus conserere. Reliquis tu sic accurate respondes immo replicas, ut in sententia persistere videare, quod ego non arguo, non disputo: satis mihi est pro iure nostrae consuetudinis egisse fratris officium, non possum tamen Roterodamo non scribere longe magis tibi gratulaturo, ubi otium contigerit et animus arcanam illam Christi philosophiam in altissimo silentio mentisque secessu recognoscendi, cum te ducet sponsus in cubiculum et in cellam penuariam (6).

Quo tandem agnito errore, id est repudiatis scholasticis renunciatur Usingensis apud Erphordienses penetrasse et ecclesiasticos coepisse gustare, (7) quorum instaurator M.Luther Dei beneficio adhuc stat, vivit, valet, pugnat, praedicat, legit, docet, disputat. (8)

Ad eum contendit ut nosti Carolus noster de Miltitz, nuncius apostolicus, (9) sed privatus explorandi tantum gratia, quippe rosa et diplomata apud Augustam dimissa: (10) conversati sumus integro triduo ad multam etiam noctem cum homine perquam familiariter. (11) Forsan Deus dabit gratiam, ut pontifex vel audiat hominem vel in gratiam recipiat honestis conditionibus. (12)

Interea medio Novembri decretalem edidit declarantem »Unigenitus«, Christi merita, indulgentias, (13) edidit et Martinus acta sua Augustae (14) et processum informem cum duobus tamen illi obiectis: (15) multa in his claves tangunt. (16) Ubi plura exempla adferuntur, tibi quoque communicabuntur(17). Nam et pontifex non parum dicitur indignatus S. Prieratis rusticitati (18), cui magis trimestre quam triduum opus erat. (19)

Aureos illos Koburgio (20) solvendos non vidi.

Vale, frater doctissime, et me utere amico et fratre fideli.

Datum ad XI. kalendas Januarias 18.

C.S.d.


An Doktor Johannes Eck.

Kaum hatte ich Deinen Brief erhalten, da fragt JODOCUS MORLIN, Dein Schüler aus Freiburger Zeiten, nach seiner Rückkehr aus Feldkirch bei mir an, ob ich nicht den Freunden etwas mitzuteilen hätte, denn er wußte, daß niemand nach Wittenberg zu kommen pflegt, ohne mit Briefen beladen zu sein. Ich vertraute ihm daher Deinen Brief an und diejenigen, die in Leipzig und Wittenberg übergeben werden sollten sowie die unseres BURCKHARD, obgleich ich eher glaube, daß Du Zeit und Geld verlieren wirst, als daß die Leipziger es auf sich nehmen, ihren Auftrag auszuführen.

Was viele meinen, das ERASMUS über Dich gedacht hat: vielleicht hatten sie zusätzliche Beweise, weil wir voraussagten, Du werdest ein »eifriger Ermahner« für ihn sein: das hat ihm zugesagt; er hat aber keine Zeit, jedem zu antworten; auch schreibt er ja, daß er jenes Büchlein nicht zur Veröffentlichung bestimmt hat, sondern nur für die Hand bewährter und treuer Freunde; auch ruft er nach zehn Konklusionen den Autor in die Kampfarena, falls es jemand wagen sollte, sich in ein Treffen mit ihm einzulassen. In den übrigen Dingen antwortest, ja replizierst Du so akkurat, daß es erscheint, als bliebest Du bei Deiner Meinung. Ich selbst aber behaupte und disputiere nicht; es genügt mir, nach den Spielregeln unserer Beziehung meinem brüderlichen Freund dienstbar gewesen zu sein, doch kann ich es nicht unterlassen, den ERASMUS zuzustimmen, daß er Dir »noch viel mehr gratulieren« würde, »sobald Muße« es Dir »erlauben« würde, »daß Dein Geist jene geheime Philosophie Christi in höchstem Schweigen und Zurückgezogenheit des Geistes erkennt, wenn Dich der Bräutigam ins Schlafgemach und in die Vorratskammer führen wird.«

Nachdem er endlich seinen Irrtum erkannt hat, das heißt nach Abkehr von den scholastischen Theologen, so heißt es, hat USINGEN bei den Erfurtern Eindruck gemacht und begonnen, die Kirchenväter hochzuschätzen, deren Erneuerer MARTIN LUTHER mit Gottes Beistand noch aufrecht steht, lebt, gesund ist, kämpft, predigt, liest, disputiert.

Wie Du weißt, hat sich der päpstliche Nuntius KARL VON MILTITZ zu ihm begeben, aber nur privat, um ihn auszuhorchen, da er die Goldene Rose und die Urkunden in Augsburg zurückgelassen hat. Wir unterhielten uns volle drei Tage bis tief in die Nacht hinein überaus vertraulich mit ihm. Vielleicht wird Gott so gnädig sein, daß der Papst Luther entweder anhört oder ihn unter ehrenvollen Bedingungen wieder aufnimmt.

Inzwischen hat er Mitte November eine Dekretale herausgegeben, die die Bulle »Unigenitus«, die Verdienste Christi und die Ablässe erläutert. Auch LUTHER hat seine »Acta Augustana« und das kanonische Vorverfahren gegen ihn mit den beiden gegen ihn erhobenen Einwendungen herausgebracht. Vieles darin betrifft die Schlüsselgewalt der Kirche. Wenn mehr Exemplare davon eintreffen, sollst auch Du welche haben. Denn auch der Papst ist, so heißt es, nicht wenig über die bäuerliche Plumpheit des SILVESTER PRIERIAS erzürnt, der eher drei Jahre als drei Tage für die Abfassung seines »Dialogus« hätte investieren sollen.

Die erwähnten Goldtaler für KOBERGER habe ich nicht gesehen.

Leb wohl, mein sehr gelehrter Bruder, und sieh auch in mir Deinen Freund und Bruder.

Gegeben am 22. Dezember 1518.

Christoph Scheurl, Doktor.


1. Der erwähnte Brief Ecks ist verloren. Zum vorliegenden Brief als Ganzem s. WIEDEMANN 409.

2. Jodocus MORLINUS (Morlin, Maurus, Mürlin) Schüler Ecks in Freiburg.

3. Die Brüder Petrus und Franz Burckhart in Wittenberg bzw. Ingolstadt: vgl. o. Brief 24-11-1518.

4. Vgl. Brief 15-05-1518 und oben Brief 24-11-1518, Anm. 2.

5. Brief 24-11-1518, Anm. 3.

6. Brief 15-05-1518.

7. Bartholomäus ARNOLDI VON USINGEN OESA, Luthers Lehrer (1501-05) und späterer Gegner (ca 1465-1532). Usingen war Vertreter eines gemäßigten Nominalismus, suchte in der Gnaden- und Rechtfertigungslehre in Abgrenzung zu Ockham Anschluß an die via antiqua. Vgl. Brief Scheurl an Eck 01-04-1517, N. PAULUS, Der Augustiner Bartholomäus Arnoldi von Usingen, Freiburg 1893 und LThK 1 (3.A.), 1025f (W. ECKERMANN).

8. Luthers Wittenberger Hochschulreform: vgl. BORTH 25- 29 und BARGE 1 Kap. 3.

9. Karl VON MILTITZ (1490-1529): s. Dokumente zur Causa Lutheri 2, 229ff.

10. Miltitz wollte wohl zunächst am kurfürstlichen Hofe "privat vorfühlen" und hatte bei den Fuggern in Augsburg für Kurfürst Friedrich die Goldene Rose und einige Ablaßprivilegien, die Friedrich bereits 1516 erbeten hatte, hinterlegt: vgl. Leo X. an Spalatin, 24-10-1518: Dokumente 2, 233f.

11. Scheurl hat mit Miltitz also drei Tage lang während dessen Aufenthalt in Nürnberg vertraute Konversation getrieben und von ihm einen positiven Eindruck erhalten: Vgl. GRAF 80f u. Scheurls ausführlichen Bericht an Luther vom 20-12-1518.

12. Gott möge helfen, daß der Papst Luther entweder anhöre oder ihn zu ehrenhaften Bedingungen wieder in Gnaden aufnehme.

13. Leos X. Ablaßdekretale »Cum postquam« vom 09-11-1518: s. Dokumente zur Causa Lutheri 2, 185-202.

14. M. LUTHER, Acta F. Martini Luther August. apud D. Legatum Apostolicum Augustae: s. Dokumente 2, 83-109.

15. Ebd. Dokumente 2, 93 und 97.

16. Betrifft die Schlüsselgewalt der Kirche: vgl. LThK (2.A.) 9, 422-425; LThK 9 (3.A), 167ff.

17. Gemeint sind Luthers »Acta Augustana«, die Scheurl Eck zustellen will.

18. Dieses Gerücht über Leos X. Unzufriedenheit mit Prierias ist nicht zu beweisen: PASTOR, Päpste IV/1, 250 Anm. 2.

19. PRIERIAS, Dialogus, Praefatio: Dokumente zur Causa Lutheri 1, 52.

20. Vgl. Oscar HASE, Die Koberger. Eine Darstellung des buchhändlerischen Geschäftsbetriebes in der Zeit des Überganges vom Mittelalter zur Neuzeit. Leipzig 2. A. 1880.