Briefwechsel Eck - Übersicht Reformationsgeschichte
Nr. 189
Eck an Gian Matteo Giberti, Bischof von Verona

Ingolstadt
29-06-1525


Rom Arch Vat Arm 32, vol 1, fol 229rv (spätere Abschrift); Rom Coll. Rom. Cod Barberini XVII, 5, fol 264r - 266v
W. FRIEDENSBURG, Beiträge zum Briefwechsel der kath. Gelehrten Deutschlands im Reformationszeitalter: ZKG 19 (1899), 213ff, Nr 116
[F 201.1f; 177R]


Eck bittet Bischof Giberti, nicht zuzulassen, daß ihm weiter durch den vom Kardinallegaten Campeggio angestrengten Inquisitionsprozeß gegen den Chorherrn von St. Andrä in Freising Wolfgang Wackinger so übel mitgespielt werde: Giberti soll ein päpstliches Breve erlangen, das die Übernahme der Pfründe Wackingers an St. Andrä durch seinen Bruder Gotthard unmöglich macht. Leider ist dieses Breve nicht bis zum 13-07-1525 bei Eck eingetroffen, so daß durch diese Saumseligkeit der Kurie Wackingers Residenzrecht sich aufgrund der geltenden Statuten um ein weiteres Jahr verlängert. So wird es möglich, daß ein Häretiker wie Wackinger zugunsten seines Bruders auf seine Pfründe verzichten und sich der Verantwortung durch Flucht in das Augsburger Minoritenkloster entziehen und weiter ungestraft öffentlich die kirchliche Transsubstantiationslehre leugnen kann. Giberti kann aus Ecks letzten Schreiben an Papst Clemens VII. und die beigefügte Aufstellung der Bauernaufstände in Süddeutschland ersehen, wie beklagenswert und mühselig Ecks Leben jetzt ist. Weder Campeggio noch der Papst wissen um die Armut Ecks, der jetzt im Begriff ist, über Burgund nach England zu reisen. Eck fürchtet, in die Hände der aufständischen Bauern zu fallen. Der Papst darf Deutschland jetzt nicht im Stich lassen, sonst ist es dort um die Herrschaft der Bischöfe und Prälaten gschehen. Weder ein Buch, geschweige denn ein Briefchen reicht aus, Ecks Schmerz um Deutschland zu schildern. Wenn er doch einen christlichen Drucker für seine neuen Schriften fände, die er mit sich führt. Giberti soll aber aus all dem nicht schließen, daß Bayern ganz der lutherischen Ketzerei verfallen sei, wenn auch die Achtung vor dem Klerus nachläßt.


Reverendo in Christo patri et domino domino Joanni Matthaeo antistiti Veronensi ac Sanctissimi Domini Nostri a datis, Maecenati suo.

Paratissima obsequia cum sui commendatione.

Rogo plurimum, Rev. pater, non patiaris diutius me divexari super his quae in inquisitionis sancto negocio contra Wolfgangum Wackinger jussu speciali Reverendissimi domini legati accedente [feci], et per breve Sanctissimi Domini Nostri praecipiat capitulo sancti Andreae Frisingae ut proviso per me possessionem tradat et, siquid juris impetrati Gothardus Wackinger praesumat se habere seu praetendat, jure experiatur.

Speraveram me habiturum illud breve ante festum Margaretae; sed quia nescio quo remorante res tardatur, ad alterum annum residentia venit secundum statuta ecclesiae illius differenda. Quanquam nihili ducam tantillam jacturam; hoc plus nimio me premit quod negocium inquisitionis tam mature et diligenter per me actitatum debet a sede apostolica irritari et haereticus exultare de retento pro fratre aut pro se beneficio, quia nihil ducit infamiam, sed moratur cum bestia lutherana Augustae in monasterio Minorum, et hanc blasphemiam fortiter astruunt et propagant, corpus scilicet Christi verum et sanguinem ejus non esse sub eucharistia, sed panem duntaxat et vinum.

Quam lamentabiliter et erumnose vivamus, ex litteris ad Sanctissimum Dominum Nostrum scriptis et scheda alligata intelliges, nec Reverendissimus dominus legatus nec sedes apostolica est memor pauperis Eckii;

 non scio profecto quomodo tranquillitati studiorum meorum consulam; jam ego accinctus sum itineri: proficiscar per Burgundiam, inferiorem Germaniam et Angliam, visurus quomodo res fidei apud illos tractetur, si commode Sanctissimus Dominus noster non poterit mihi providere in superiori Germania, ut vel in illis partibus Rev. Paternitas Tua memor esset mei. Totum periculum est ne in seditiosos incidam rusticos, quoniam ubique defecerunt; etsi armis repressi sint, tamen Eckio in potestatem eorum venienti non parcerent.

Sanctissimus Dominus Noster in hoc tanto periculo non deberet derelinquere Germaniam; nisi Caesar advenerit aut aliunde provideatur, timeo actum esse de principatu episcoporum et praelatorum nostrorum. Liber vix reciperet quaerelas meas pro Germania; quanto minus parva epistola.

Tuum fuerit, Rev. pater, affecti in me animi aliquando effectum ostendere. Aliqua chartacea opuscula nondum impressa mecum fero, si forte contingat me christianum proelum invenire, ut illic excudantur. Bene vale, Socratice Rev. antistes, et Eckium servitorem tuum commendatum habe.

Raptim Ingolstadii
ipso die Petri et Pauli primatum ecclesiae 1525.

Nolo existimes ob hanc meam trepidationem Bavariae provinciam esse haeresi Lutheri infectam, licet experiar reverentiam erga clerum minui; at hoc insidet animo. Tot sunt blasphemiae, impietates et perfidiae publicae Lutheranorum per Germaniam superiorem, ut non sit possibile, Deum termisericordissimum impune Lutheranorum tot fidefragia scelera et blasphemias; ut his non involvar tutius erit migrare, sicut Christiani Judaeam reliquerunt instante excidio Hierosolymitano.

Dem ehrwürdigen Vater in Christus und Herrn, Herrn Johannes Matthäus, Bischof von Verona und päpstlichen Datar, seinem Patron.

Mein bereitwilligster Gehorsam samt Empfehlung!

Ich bitte sehr, ehrwürdiger Vater, daß Ihr nicht dulden möget, daß ich mit Dingen belästigt werde über das hinaus, was ich im Inquisitionsverfahren gegen WOLFGANG WACKINGER auf besonderen Befehl des Herrn Legaten tat, und daß Ihr aufgrund des päpstlichen Breve dem Freisinger Kapitel von Sankt Andreas befehlen möget, unter meiner Aufsicht das Besitzrecht zu übertragen, und, falls GOTTHARD WACKINGER aufgrund irgendwelchen erworbenen Rechts vorgibt, einen Besitzanspruch zu haben oder ihn nur vorzutäuschen, dieses rechtlich zu prüfen.

Ich hatte gehofft, dieses Breve vor dem Festtag der Heiligen Margareta in Händen zu haben, aber da aus mir unbekanntem Grund die Sache verzögert wird, kommt es dazu, daß das Residenzrecht gemäß den Statuten der Kirche auf das folgende Jahr verlängert werden muß. Obgleich es mir nicht um den geringen Aufwand geht, bedrückt es mich doch um so mehr, daß ein von mir so reiflich und sorgfältig durchgeführtes Inquisitionsverfahren vom apostolischen Stuhl für ungültig erklärt werden und der Häretiker sich der für seinen Bruder oder für ihn selbst reservierte Pfründe erfreuen darf, denn er schätzt den Schimpf gering und verkriecht sich zusammen mit der lutherischen Bestie im Augsburger Franziskanerkloster, wo sie weiterhin die Gotteslästerung ausstreuen und propagieren, in der Eucharistie sei nicht der wahre Leib und das wahre Blut Christi enthalten, sondern bloßes Brot und bloßer Wein.

Wie beklagenswert und mühselig wir leben müssen, könnt Ihr aus dem Brief, den ich dem Papst geschrieben habe, und der beiliegenden Aufstellung erfahren; jedoch erinnert sich weder der hochwürdigste Herr Legat noch der apostolische Stuhl an den armen Eck.

Ich weiß nämlich nicht, wie ich für Ruhe zum Studium sorgen kann, denn ich bin gegenwärtig zum Reisen gezwungen: ich werde durch Burgund, Niederdeutschland und England reisen, um zu sehen, wie dort in der Glaubenssache verfahren wird, es sei denn, der Heilige Vater hätte für mich in Oberdeutschland angemessen Vorsorge getroffen oder Eure hochwürdigste Väterlichkeit hinsichtlich jener Gebiete sich meiner erinnert. Die eigentliche Gefahr für mich besteht darin, in die Hände der aufständischen Bauern zu fallen, da es solche überall gibt, wenn sie auch mit Waffengewalt unterdrückt werden. Sollte Eck in ihre Gewalt fallen, würden sie ihn nicht schonen.

Der Heilige Vater darf Deutschland in so großer Bedrängnis nicht im Stich lassen. Wenn der Kaiser nicht eingreift oder anderswie Vorsorge getroffen wird, fürchte ich, daß es um die Herrschaft unserer Bischöfe und Prälaten geschehen ist. Ein Buch könnte kaum mein Klagen um Deutschland fassen, um so weniger ein kleiner Brief.

An Euch liegt es, hochwürdiger Vater, einmal Eure Gesinnung mir gegenüber zu beweisen. Ich führe einige noch nicht gedruckte Manuskripte bei mir, um sie vielleicht einmal von einem christlichen Drucker drucken zu lassen.

Lebt wohl, weiser und ehrwürdiger Bischof, und nehmt Eck als Euren Diener an!



In Eile, Ingolstadt,
am Tag Petri und Pauli, die den Vorrang in der Kirche innehaben.

Ihr sollt aber wegen meiner ängstlichen Unruhe nicht meinen, daß Bayern von der Häresie LUTHERS infiziert sei, wenn ich auch beobachte, daß die Achtung vor dem Klerus abgenommen hat: das beschäftigt mich schon. So viele Gotteslästerungen, Ruchlosigkeiten und öffentliche Treuebrüche der Lutheraner gibt es in ganz Oberdeutschland, daß es unmöglich scheint, daß der dreimal barmherzige Gott soviel Scheitern im Glauben, Vergehen und Blasphemien dulden wird. Um nicht darin verstrickt zu werden, wird es sicherer sein, auszuwandern, so wie die Christen bei der bevorstehenden Zerstörung Jerusalems Judäa verlassen haben.