Briefwechsel Eck - Übersicht Reformationsgeschichte
Nr. 194

Eck an die Eidgenossen
Ingolstadt
28-10-1525



Zürich ZentralB Ms F 42, fol 79 - 82 (Autograph);
Zürich StA, E I 1.1 no. 115; Zürich StB Hottingeriana F. 42 (Kopie)
Epistola Iohannis Eckii Doctoris Lutheranos Gothos in harenam disputariam evocantis etc. S.l.a. [Drucker u. Hg: Th. Murner] (= METZLER Nr 53)
C. FÜSSLIN, Beyträge zur Erläuterung der Kirchen-Reformationsgeschichte des Schweitzerlandes 1. Teil, Zürich-Leipzig 1741, 161 - 188, J. SCHLECHT, Aus der Korrespondenz Dr. J. Ecks: Briefmappe I, 154 - 159; STAEHELIN, Ökolampad 1, 408 - 411, Nr 293
Vgl. WIEDEMANN, Eck 213ff

Eck verweist darauf, daß er im vergangenen Jahr 1524 die Eidgenossen gemahnt hat, beim alten Glauben zu verharren und sich nicht davon durch die neue verführerische Lehre Zwinglis abbringen zu lassen, mit dem er sich viele Male öffentlich auf der Grundlage der Heiligen Schrift zu disputieren erboten hat. Inzwischen haben sich nicht nur an vielen Orten die Wiedertäufer erhoben, sondern Zwingli in Zürich und Ökolampad in Basel sind mit einer irrigen Abendmahlslehre hervorgetreten, durch die sie nicht nur die Präsenz von Leib und Blut Christi im Altarssakrament leugnen, sondern auch den Opfercharakter der Messe. In seiner 18. Schlußrede von 1523 hat Zwingli noch anders gelehrt. 1525 nun hat Zwingli nicht nur Änderungen der Meßordnung in Zürich verfügt, sondern jetzt die Messe ganz abgeschafft. Früher hat Zwingli Luther noch als Streiter Gottes gepriesen: warum hält er sich jetzt nicht an Luther, der Karlstadts Ketzerei über das hl. Sakrament mit Hilfe der Heiligen Schrift widerlegt hat? Obgleich Karlstadt daraufhin Widerruf geleistet hat, führen Zwingli und Ökolampad unzählige Menschen weiterhin in den Irrtum. Eck verweist auf die traurigen Folgen der Irrlehren in Deutschland und zählt die Sekten im einzelnen auf: Bilderstürmer, Wiedertäufer, Höllenkreuziger. Besonders am Rhein und in den oberdeutschen Reichsstädten machen sie sich breit. Eck hat das auf seiner Reise durch die Niederlande nach England beobachten können. Er betont erneut seine Bereitschaft zu einer öffentlichen Disputation mit Zwingli und Ökolampad, wo immer die Eidgenossen es für angemessen halten.

Den edlen gestrenngen vesten fürsichtigen erberigen und hochachtbarn herren von stetten unnd lannden dess alten pundts hocher tütscher nation der Eidtg[enossen], minen gnädigen, groszgunstigen, gepiettenden herren.

Edle, gestreng, erenvest, erberig und fürsichtig, wisz herren und gott frund. Min willig gar flissig beheglich dienst zuvor.

Gnädigg, grossgünstig unnd gepiettend herren.

Ich hab in verganngnem jar üwer gnad, strenng, vest unnd wiszheit uff das höchst ermantt, by dem waren alten ungezwiffelten cristenlichen glouben zu bliben und sich gar nitt bewegen lassen durch die irrig verfürisch ketzerisch ler Ulrich Zwingli, qie ich dann dozemal vor üwer herrlichkeitt oder iren verordnetten richtern mitt disputacion uss grund der helgen gschrifft gegen unnd wider den Zwingli ussszufüren erpotten hab, das nun Zwingli, als der dz liecht haszd und in der finsternuss wandlet, nitt hatt wellen annemen, wie das nach der lenge vormals gehandelt habt.

Nun aber ich jetz lanng nitt ghörtt hab, dann allein (Gott si lob), wie üwe gnad und gunst der merteil noch standthafftig in warem mcristenlichem glouben fürfar und vorfare, entgegen aber die sich habent von cristenlicher einigkeitt abgesundertt, irrig unnd ketzerlich ler angenomen, fur unnd fur in schwerem irrsal unnd lesterlich ketzery gefallen, und die gemeret, nitt allein wider die touffer, die sich an ettlichen ortten in Eidtgn[ossen] unnd anstössen erhebt habent, sunder ouch dz Zwingli unnd Huszschin zu Basel (der sich Oecolampadius nempt) in die erschrockenlichen ketzery gefallen syendt, das in dem hochwirdigen sacrament des altars [nitt] der war fronlichnam unnsers lieben herren Jhesu Cristi, ouch nitt sin kostbarlichs heiligs blutt;

also söllend die blinden ketzer die die ougen des helgen gloubens verloren habent, in die finster gruben aller ketzery fallent. Daruss uwer gnad unnd gunst lichtlich abnimpt, was faltschen tüfelschen glouben die verstopfte lutt lerendt, so sy inen selbs under einanndern so widerwertig sind. Dann Zwingli unnd Huszschin habent dz hochwirdig sacrament woll nitt wöllen lassen ein opfer imm ampt der helgen mesz, doch sust gelertt, das sacrament, dess lichnam unnd blutt Cristin hoch zu eren, also das ouch Zwingli in usslegung siner schlussred by dem XVIII. artickel hoch verwisd den bäpstler ir schalckhafftig geschrey (also sagt er), da si in beklagten, er wölte "uss unnsers lieben herren fronlichnam Cristi nutts machen, unnd die armen möntschen der himelschen spisz berouben", das er nun so gar nütt hatt wöllen liden, das man sollichs von imm sag imm jar, do man zalltt 1523, im höwmanott. Nitt zwey jar darnach felltt er mitt aller unsinnikeitt darin, unnd nimpt nitt alleinn die mäss der kilchen hin, sunder ouch sin erdichte ketzersche mäss, unnd als an imm ist, beroubt er die möntschen der himelschen spisz; also lugk, wanckelmüttig, lutt sind die ketzer, noch dann schryent sy, der felsz des ungezwiffelten gloubens unnd ewiger warheitt sy by inen. Darzu ist Zwingli nitt ingedenck, das er do zee moll den Lutter so hoch gebrisd hätt, er sig ein weidenlicher diener Gottes, unnd "so ein treffenlicher stritter Gottes, der so mitt grossem ernnst die schrifft durchfündelet, als er in tusent jaren je gsin ist, unnd mitt dem mannlichen unbewegten gmütt" etc. Dann helltt Zwingli uff dem Lutter, wie er doch geschriben hatt, warum volgt unnd gloubt er jetz nitt dem Lutter, der mitt der helgen gschrifft umstost die Carolostadisch ketzery vom hochwirdigen sacrament? Und wie wol Carolostat von derrselbigen ketzery gefallen ist, und die frywillig revociert unnd verlegt, so hörr [ich] doch, das Zwingli und Huszschin zu Basel (es ist wol ein Hussischer schin) vil tusend möntschen in die grülichen ketzery verfürendt, dz si nitt gloubent, dz in dem wirdigen sacrament sy der war lichnam unnd blutt Cristi, wie dann die blinden Juden vil jaren das hochwirdig sacrament insunderheitt angefochten habent.

 Darumb strenng, vest unnd fürsichtig herren, bitt ich üwer gnad, vest unnd gunst durch Gottes willen, ir wölltt üch unnd üwer pundtsverwandten und underthanen mitt diser ketzerschen gottslesterschen ler nitt verfüren lassen.

Ir habt leider gesechen, was jämerlicher frücht die ketzery in Tütschen landen gebracht hatt, alle uneinigkeitt, unwillen, unghorsami, rotten, uffrüren, verderben lannd unnd lütt, usstilggung alles gottsdiensts, aller erberkeitt, sterckung alles muttwillens, aller sünd unnd laster etcc. Secht an der ketzer unbstendigkeitt, und spaltung, wie in kurtzen zitten so vil secten under inen erstanden syendt, die bildstürmer, die widertouffer, die rottengeister, die verzwiffler (sagent, Cristus, unnser lieber herr, hab am krütz gezwiffelt unnd gsündt), die hellcrütziger (Cristus hab klein ding uff erden gelitten, in der hell habent inn die tüffel erst recht crütziget), unnd vil annder secten. Wie mengerley mäsz habent si an allen ortten angfanngen, und zu letst machent si am vin ein gutt mal und prassen daruss. Unnd gschicht söllichs zu vorderst allein in ettlichen richsstetten hochtütschs lanndts. Dann ich bin verganngnen summers spaciert durch Niderlanndt, in Engellandt, unnd mer dann durch LXX stett zogen, uss denen nitt mer dann dry Lutterisch warent, unnd die zwo uss denen dryen hetten noch nitt verwandeltt in offenlichen ämptern der kilchen.

Darum pitt ich üwer g[nad], gunst unnd frünttschafft um Gotz willen, wöllendt, alls herzhafftig biderb lütt, den waren alltten ungezwiffelltten cristenlichen glouben manhafftigklich handthaben, unnd die faltsch vorfürisch gotzlesterisch ketzery ussrütten unnd vertillggen.

Was ich armer pfaff darzu dienstlichs bewisen kan unnd mag, wil ich doch von hertzen dz mitt höchstem flisz thun. Sunderlich wo nochh Zwingli oder Huszschin under verornodtten richtern vor üch, min herren gmeiner Eidtgnoscchaft, disputieren wöllten, und endtlich bliben by erkanttniss der selbigen, wie ich mich dann des vergangnen jars zwey mal erpotten hab, wil ich ganntz willigklich erschinnen uff üwer ermanung und an ortt und ennd, wo ir mich bescheident, die disputacion uss grund der helgen gschrifft vollstrecken, gutter hoffnung, Gott durch sin barmhertzigkeitt wirde siner warheitt unnd helgen glouben byston.

Und des sol sichh gantzlich üwer g[nad], vest unnd gunst zu mir versechen, wa nittt, ich uch in disen sachen dess gloubens ouch sunst dienstlichen willen erzögen mag, das ich ganntz flissig ze thun bereitt bin.

Gott der allmechtig wölle üwer gnad, streng unnd wiszheitt befolchen haben unnd behütten.

Datum in il zu Ingolstatt in Peyern, am tag der helgen aposteln Simonis unnd Jude 1525.

Ewer gnad unnd herschafften ghorsamer williger

Johann von Egk doctor etc.

Den edlen, strengen, starken, fürsorglichen, hochachtbaren Herren der Städte und Länder des alten eidgenössischen Bundes oberdeutscher Nation, meinen gnädigen, günstiggesinnten und mächtigen Herren.

Edle, strenge, ehrenfeste, ehrbare und fürsorgliche, weise Herren und gute Freunde: meine willige und beflissene Dienstbereitschaft zuvor!

Gnädige, gutgesinnte und mächtige Herren!

Ich habe im vergangenen Jahr Eure Gnaden, Strenge, Festigkeit und Weisheit auf das dringlichste ermahnt, beim wahren, alten, unbezweifelbaren christlichen Glauben zu bleiben und sich durch die irrige, verführerische und ketzerische Lehre ZWINGLIS in keiner Weise beirren zu lassen, wie ich mich auch wiederholt gegenüber Euren Herrlichkeiten oder ihren bestellten Richtern bereit erklärt habe, aufgrund der Heiligen Schrift gegen ZWINGLI eine Disputation auszurichten. Das aber hat ZWINGLI, der »das Licht haßt und in der Finsternis wandelt«, nicht akzeptieren wollen, wie Ihr das vor kurzem ausführlich dargelegt habt.

Ich habe nun aber lange Zeit nichts von Euch gehört, außer daß, Gott sei Lob, der größere Teil von Euch noch standhaft im wahren christlichen Glauben verharrt. Jene aber haben sich von der christlichen Einheit getrennt und haben irrige und ketzerische Lehren angenommen und sind in schwere Irrtümer und lästerliche Ketzerei gefallen und haben diese noch verbreitet: nicht allein die Wiedertäufer, die sich an verschiedenen Orten der Eidgenossenschaft und an deren Grenzen erhoben haben, sondern auch ZWINGLI und HAUSSCHEIN in Basel (der sich ÖKOLAMPAD nennt) sind der schrecklichen Ketzerei verfallen, daß nämlich im hochheiligen Altarssakrament nicht der wahre Leib unseres Herrn Jesus Christus sei und auch nicht sein kostbares heiliges Blut.

So sollen die blinden Ketzer, die den Blick für den heiligen Glauben verloren haben, in den dunklen Abgrund aller Ketzerei fallen, sodaß Eure Gnaden und Gunst leicht erkennen können, was für einen falschen und teuflischen Glauben die Verstockten lehren, die ja auch in sich selbst und untereinander voller Widersprüche sind. Denn ZWINGLI und HAUSSCHEIN haben früher den Opfercharakter der Messe angezweifelt, daneben aber gelehrt, man solle das Sakrament des Leibes und Blutes Christi hoch in Ehren halten. So hat ZWINGLI in der Auslegung seiner »Schlußrede« zum 18. Artikel den »Papisten« auf ihr »verleumderisches Geschrei«, wie er sagt, verwiesen, indem sie ihm vorwarfen, er wolle aus dem Leib unseres lieben Herrn Christus ein Nichts machen und die armen Menschen der himmlischen Speise berauben: er wolle nicht akzeptieren, daß man solches über ihn sage; das war im Jahr 1523. Nicht einmal zwei Jahre später schafft er in unsinniger Weise nicht nur die Messe in den Kirchen ab, sondern auch die erfundene ketzerische Messe, und beraubt seinerseits die Menschen der himmlischen Speise. So unbeständige und wankelmütige Leute sind die Ketzer! Darüber hinaus schreien sie, daß der Fels des unbezweifelbaren Glaubens und der ewigen Wahrheit bei ihnen liege. ZWINGLI vergißt dabei, daß er viele Male LUTHER sehr dafür gelobt hat, er sei ein trefflicher Diener und Streiter Gottes, der mit so großem Ernst die Schrift erforscht, als es je in den letzten tausend Jahren auf Erden geschehen ist, und das in großer unerschütterlicher Stärke usf. Wenn aber ZWINGLI so viel von LUTHER hält, wie er doch geschrieben hat, weshalb folgt und glaubt er jetzt nicht LUTHER, der mit klarem Schriftargument die Ketzerei KARLSTADTS vom hochwürdigen Sakrament widerlegt hat? Und obgleich KARLSTADT selbst von der Ketzerei wieder abgefallen ist und sie widerrufen hat und ableugnet, so höre ich doch, daß ZWINGLI in Zürich und HAUSSCHEIN in Basel (es ist wohl ein »hussitischer Schein«) viele tausend Menschen zur gräulichen Ketzerei verführt, so daß sie nicht glauben, daß in dem würdigen Sakrament der wahre Leib und Blut Christi seien, wie ja besonders die blinden Juden viele Jahre lang das hochwürdige Sakrament angezweifelt haben.

Darum, gnädige, gestrenge, starke und fürsorgliche Herren, bitte ich Eure Gnaden, Festigkeit und Gunst nach dem Willen Gottes, daß Ihr Euch, Eure Bundesgenossen und Untertanen nicht von dieser ketzerischen und gotteslästerlichen Lehre verführen laßt.

Ihr habt leider mit ansehen müssen, welche jämmerliche Frucht die Ketzerei in Deutschland zur Folge hatte: Uneinigkeit, Starrsinn, Ungehorsam, Rottenbildung, Aufruhr, Verderben für das Land und seine Bewohner, Austilgung alles Gottesdienstes und aller Ehrbarkeit, Stärkung von Zerstörungswut, Sünde und Laster usf. Seht nur die Unbeständigkeit der Ketzer und ihre Spaltungen untereinander, wie in kurzer Zeit so viele Sekten unter ihnen entstanden: die Bilderstürmer, Wiedertäufer, Rottengeister, Zweifler (diese behaupten, Christus, unser lieber Herr, habe am Kreuz gezweifelt und gesündigt), die »Höllenkreuziger« (diese sagen, Christus habe auf Erden nur wenig gelitten, erst in der Hölle hätten ihn die Teufel gekreuzigt), und viele andere Sekten. Wie vielerlei Formen von Meßfeiern haben sie allerorts eingeführt: in letzter Zeit machen sie am Rhein ein Festmahl voller Prasserei daraus; besonders in zahlreichen oberdeutschen Reichsstädten geschieht solches. Ich bin im vergangenen Sommer durch die Niederlande nach England gezogen und habe dabei siebzig Städte besucht, von denen nicht mehr als drei lutherisch waren, zwei von den dreien hatten noch keine Änderungen der Liturgie vorgenommen.

Darum bitte ich um Gottes Willen Eure Gnaden, Gunst und Freundschaft, daß Ihr als beherzte und ehrenwerte Leute den wahren, alten, unbezweifelbaren christlichen Glauben mutig verteidigt und die falsche, verführerische, gotteslästerliche Ketzerei ausrottet und vertilgt.

Was ich armer Pfaff dazu beitragen kann und vermag, will ich von Herzen und mit höchstem Einsatz tun. Sollten ZWINGLI oder HAUSSCHEIN unter verordneten Richtern in Eurer Gegenwart, meine Herren der Eidgenossenschaft, doch disputieren wollen und bei der Anerkennung einer solchen Disputation verharren, wozu ich mich im vergangenen Jahr zweimal erboten habe, bin ich bereit, zu diesem Zweck zu erscheinen, solltet Ihr dazu aufrufen, um an dem Ort, wohin Ihr mich bestellt, die Disputation auf der Grundlage der Heiligen Schrift durchführen zu lassen. Und das voller Hoffnung, daß Gott durch seine Barmherzigkeit seiner Wahrheit und seinem heiligen Glauben Beistand leisten wird.

Zu diesem Zweck mögen sich Eure Gnaden, Festigkeit und Gunst auf mich verlassen und mir mitteilen, wie ich Euch in dieser Angelegenheit des Glaubens und auch sonst mit Rat zur Seite stehen kann: dazu bin ich willens und bereit.

Gott der Allmächtige wolle Eure Gnaden, Strenge, Festigkeit und Weisheit sich anbefehlen und sie behüten.

Gegeben in Eile in Ingolstadt in Bayern am Tag der Hl. Apostel Simon und Judas 1525.

Eurer Gnaden und Herrschaften gehorsamer, williger Johann von Eck, Doktor usf.