Briefwechsel Eck - Übersicht Reformationsgeschichte
Nr. 286

Eck an Nikolaus Ellenbog
Ingolstadt
08-09-1534


Paris BN ms lat 8643, 2, fol 121r - 122r
CCath 19 (Münster 1938), 335ff Nr 67

Es ist für Eck betrüblich zu wissen, daß der Abt von Ottobeuren nicht nur seine Freundschaft ablehnt, sondern sie verachtet; auch sein hartes Vorgehen gegen Ecks Schwester gilt eigentlich ihm. Wenn auch die Verwandten alle Schuld auf den verstorbenen Gastfreund schieben, so ist es doch eines solchen Prälaten unwürdig, daß er durch einen Menschen so stark gegen Eck eingenommen werden konnte. Im Gegenteil sollte es sich der Abt zur Ehre anrechnen, daß Eck in seinem Herrschaftsgebiet geboren ist, wo doch, wie die vielen Geschenke beweisen, Papst, Kardinäle, Bischöfe und Prälaten ihm gewogen sind. Um so lieber hätte er ein gutes Verhältnis zu jenem Prälaten, in dessen Herrschaft er geboren und sein Vater, Großvater, Urgroßvater treue Vasallen gewesen waren. Er hätte gern die Freundschaft des Abtes und läßt ihn grüßen. Um dem Wunsch Ellenbogs zu entsprechen, persönlich in Ottobeuren vorbeizuschauen, hatte Eck eigentlich beschlossen, im Herbst über Rottenburg nach Überlingen zu reisen; dem kam jedoch der Kardinal Bernhard von Cles mit seiner dreifachen brieflichen Einladung nach Trient zuvor. In seinen öffentlichen Vorlesungen behandelt Eck gerade die Psalmen, wobei er auf die Verteidigung der kirchlichen Lesart gegenüber Hieronymus und den "hebraisierenden" Neuerern Lyra, Felix Pratensis, Sanctes Pagnino, Caietan und Bucer Wert legt. Eck macht das an einer Textstelle aus Ps 16 deutlich.Im übrigen ist er mit der Übersetzung der »Homiliae de sacramentis« beschäftigt.


D. Ioannes Eckius patri Nicolao Ellenbog
S.P. et omne bonum.

Moleste semper tuli ac peracerbe, Nicolae humanissime, abbatem tuum multis illicibus ad amicitiam mei pertractum illam semper fortiter abiecisse non modo, verum etiam contempsisse; quod enim contra sororium meum tam acriter egit, omnia eo videbantur tendere, ut contemptum mei parerent, et hoc quidem absque ullo meo demerito. Quod etsi cognati et agnati omnem culpam in demortuum hospitem referrent, videbatur tamen mihi indignum tantum praelatum ab uno homine posse tam aspere contra Eckium commoveri.

Quinpocius pro gloria ducere debuit me sub ditione sua natum esse, cum pontifex, cardinales, episcopi ac praelati Eckium sibi habeant commendatissimum, quod ex hoc intelligas velim, eum a Ianuario huius anni 1534 reverendissimus cardinalis Moguntinus centum florenos in auro dederit, dux Georgius Saxo triginta florenos, archiepiscopus Treverensis 60 florenos in auro, episcopus Bambergensis poculum deauratum pro 50 florenis, episcopus Herbipolensis 40 florenos, universitas nostra 10 florenos, abbas in Weingarten vas vini albi, abbas in Salem vas vini rubei satis magnum, episcopus Frisingensis vas unum electi vini Athesini et aliud vas vini Austriaci, Raymundus Fucker vasculum, quod vulgo lagenam appellant, vini dulcis. Taceo de aliis praelatis, quae mihi et meis donaverunt. Haec non dixerim per iactantiam, sed ut oculata fide monstrarem, quibus beneficiis caeteri praelati me afficiunt; et adhuc aliquotta pars anni superest, quae, ut spero, non abibit indonata.

Quanto autem charior fuisset mihi illius praelati amicitia, sub quo natus, sub quo tot annis pater, anus, atavus fideles subditi extiterunt et vasalli! Nunquam ego passus sum odium dominarier adversus eum, sed semper lubens illius exosculatus essem amicitiam, neque nunc refragor. Et ut nihil invidiae mentem meam obsedisse intelligas, iam velim nomine et verbis meis eum salutes.

Quod autem petis, ut ad vos ascendam, statueram equidem hoc autumnali iustitio per Rockenburgum usque ad Überlingam ascendere; verum hoc propositum mutavit reverendissimus cardinalis Tridentinus, qui me literis suis ternis evocavit; cui ut paream, necesse est.

Publice autem iam praelego psalmos Davidicos, in quo mihi magna cura est, ut defendam lectionem ecclesiae, quae mihi magis probatur quam Hieronymi et aliorum. Video enim, quomodo Lyre, Felix Sanctes, Caietanus, Felinus et plures novelli Hebreisantes decepti sint in corrigenda ecclesiastica lectione, velut in hoc versu, in quo heri sub nocte laboravi,

 psalm. 16: »ut pupillam oculi«. Verterunt aliqui »filiam oculi« »bath-ajin« aspicientes ad hoc, quod filiam significat, cum etiam pupillam significet. tren. 2. Fateor in radice geminat »b«, ut Zachariae 3. Tamen iuxta ideoma linguae sanctae geminata tam in fine quam in principio per apheresi amittunt unam etc. Sic in eodem psalmo »non est inventa in me iniquitas« legunt comuniter active »non invenisti« vel »non invenies«. Septuaginta legerunt passive, et bene, cum »timza« sit passivum, quod indicat punctus. Verum est, quod Avenazra et aliqui rabini punctant »aleph« cum ».«. Et ubi legimus iniquitas, ipsi verbaliter exponunt cogitavi, cum »wetothi« plus habeat formam nominis propter »taw« cum affixo, cum pro verbo deberet dicere »wetthi« vel »wetetthi«. Et thargum chaldaicum habet punctum. Et licet Samosi significet cogitaciones meas in genere, tamen plerumque usurpatur in malam partem, Proverb. 2 et alibi. Ideo non mirum, quod Septuaginta verterunt »adikia«, quia, qui tam iustus est, ut non inveniatur in eo prava cogitacio, nullum certe reperitur peccatum.

Sed quorsumm rapior? Volui in uno verbo ostendere, quam facile ecclesiastica lectio defendatur ab oblatrantibus. Adhuc sum in labore vertendi tomi de sacramentis. Postea remis et velis huic negocio intendam.

Vale incolumis, et me orationibus tuis commendatum habe.

Ingolstadii raptissime ipso die Nativitatis Mariae 1534.

Doktor Johannes Eck sendet Pater Nikolaus Ellenbog
seinen Gruß und alles Gute!

Ich bedaure sehr, mein gelehrter Nikolaus, daß Euer Abt, den ich auf vielfache Weise als Freund gewinnen wollte, diese Bemühungen nicht nur stets abgewiesen, sondern sogar verachtet hat; daß er gegenüber meiner Schwester so hart vorgegangen ist, scheint gänzlich darauf gerichtet gewesen zu sein, mir seine Mißachtung zu zeigen, und das ohne meine Schuld. Wenn meine Verwandten alle Schuld auf den verstorbenen Gastwirt lenken, so scheint es mir dennoch eines solchen hochgestellten Prälaten unwürdig, daß er durch einen Menschen so heftig gegen Eck eingenommen ist.

Denn eigentlich sollte er vielmehr sich als Ruhm anrechnen, daß ich unter seiner Herrschaft geboren bin, da doch Eck bei Papst, Kardinälen, Bischöfen und Prälaten wohl gelitten ist, was Ihr zum Beispiel daraus erkennen könnt, daß seit Januar 1534 der hochwürdigste Kardinal von Mainz mir 100 Goldgulden geschenkt hat, der sächsische Herzog GEORG 30 Gulden, der Trierer Erzbischof 60 Goldgulden, der Bamberger Bischof einen vergoldeten Pokal für 50 Gulden, der Würzburger 40 Gulden, unsere Hochschule 10 Gulden, der Abt von Weingarten ein Faß Weißwein, der von Salem ein ziemlich großes Faß Rotwein, der Freisinger Bischof ein Faß erlesenen Athesinerwein und ein weiteres aus Österreich, RAIMUND FUGGER ein Tonfäßchen mit Henkeln, genannt Lagena, voller süßem Wein. Von den anderen Prälaten, die mich und die Meinen beschenkt haben, will ich ganz schweigen. Ich berichte das nicht aus Anmaßung, sondern um glaubhaft zu zeigen, was für Wohltaten mir die übrigen Prälaten erweisen, und bisher ist kaum eine Jahreszeit, wie ich hoffe, ohne Geschenke vergangen.

Um so teurer wäre mir daher die Freundschaft jenes Prälaten, unter dessen Herrschaft ich geboren wurde und so viele Jahre mein Vater, Großmutter und Großvater als treue Untertanen und Vasallen gelebt haben! Niemals habe ich Haß ihm gegenüber aufkommen lassen, sondern ich hätte liebend gern seine Freundschaft erlangt; auch jetzt noch lehne ich das nicht ab. Und damit Ihr erkennt, daß mich keinerlei Abneigung ihm gegenüber erfüllt, möchte ich, daß Ihr ihn in meinem Namen ausdrücklich grüßt.

Da Ihr bittet, Euch zu besuchen, hatte ich eigentlich beschlossen, zum Herbstgericht über Roggenburg nach Überlingen zu reisen; diese Absicht aber durchkreuzte der hochwürdigste Kardinal von Trient, der mich in drei Briefen zu sich rief; ich muß seinem Wunsch folgen.

Ich halte im Augenblick öffentliche Vorlesungen über die davidischen Psalmen, wobei ich mich um die Verteidigung der kirchlichen Auslegung bemühe: diese ist mir wichtiger als die des HIERONYMUS und anderer. Ich sehe nämlich, wie sehr LYRA, FELIX PRATENSIS, SANTES PAGNINO, CAJETAN, BUCER und viele Anfänger im Hebräischen bei Korrekturen des kirchlichen Textverständnisses Täuschungen unterliegen, wie zum Beispiel in jenem Vers, an dem ich gestern Nacht gearbeitet habe:

Psalm 16, 8 »wie ein Augapfel«. Einige übersetzten »Tochter des Auges« und lesen »bath-ain«, was »Tochter« bedeutet, wo es doch »Augapfel« heißt: Klagelieder 2, 18. Ich räume ein, in der Wurzel verdoppelt »beth«, wie in Sacharja 2, 8. Dennoch geht nach den Gesetzen der heiligen Sprache bei Verdoppelungen sowohl am Ende wie am Anfang eines verloren und so fort. So wird im selben Psalm »in mir wird keine Sünde gefunden« übereinstimmend im Aktiv gelesen:; »du hast nicht gefunden« oder »du wirst nicht finden«. Die Septuagunta liest ein Passiv, und zwar zutreffend, denn »thimese« ist Passiv, wie der Punkt »sere« andeutet. Richtig ist, daß ABEN BEN EZRA und einige Rabbinen das »aleph« mit »quames« punktieren, und wo wir »Sünde« lesen, haben diese wörtlich »ich habe erkannt«, denn »wamothi« hat wegen des »thet« mit Affix eher die Nominalform, denn als Verb müßte es heißen »wamthi« oder »wamemthi«. Das chaldäische Targum hat einen Punkt. Und obwohl »samosi« »meine Gedanken im allgemeinen« bedeutet, wird es doch oft falsch verstanden: Sprichwörter 2, 11 und anderorts. Daher ist es kein Wunder, daß die Septuaginta »adikia« übersetzt, weil, wer so gerecht ist, daß in ihm kein schlechter Gedanke gefunden wird, gewiß auch ohne Sünde ist.

Doch wohin reißt es mich hin? Ich wollte nur an einem Wort aufzeigen, wie leicht es ist, die kirchliche Lesart gegenüber den Kritikern zu verteidigen. Im Moment bin ich bei der Übersetzung des Predigtbandes über die Sakramente. Später werde ich mich dieser Aufgabe mit allen Kräften widmen.

Bleibt heil, und gedenkt meiner in Euren Gebeten!

Ingolstadt, in Eile am Tage der Geburt Mariens 1534