Briefwechsel Eck - Übersicht Reformationsgeschichte
Nr. 300

Nikolaus Ellenbog an Eck
Ottobeuten
28-04-1535


Paris BN ms lat 8643, 2, fol 140
CCath 19/21 (Münster 1938), 352f Nr 97

Ecks Brief vom 19-02-1535 ist glücklich bei Ellenbog eingetroffen. Nicht immer wurden seine eigenen Briefe, zum Beispiel auch der an M. Johannes Widenman, pünktlich zugeleitet, obgleich er immer postwendend geantwortet hat. Auch dem Konstanzer Weihbischof hat er brieflich Ecks Bitte um das »Apologeticum« zugestellt, doch der Klosterschreiber hat diesen in Überlingen nicht angetroffen. Ellenbog bittet Eck um eine Kopie des »Speculum« Alberts des Großen, jenes "Polyphem", der vielerlei geheimphilosophische Texte geschrieben hat, die sich nicht jedem erschließen. Der Abt läßt Grüße übermitteln.


Frater Nicolaus Ellenbog D. Ioanni Eckio S.D.

Literae tuae, doctissime vir et mihi, quoad vivo, inprimis observande, fideliter redditae sunt. Ego autem semper scriptis respondi, non autem praesentata semper fuisse tum ex tuis tum ex magistri Ioannis Widenman literis dolenter accaepi. Aegre enim se ferre scribit magister Ioannes se responsionem ad suas epistolas non accepisse. Te consimiliter literas meas non accepisse liquido agnovi, quia hactenus ad petita mea ne verbo quidem respondisti. Haec ideo scripserim, ne me aut pigritiae aut ingratitudinis arguere possis. Indignum enim prorsus foret, si a docto et occupatissimo viro literas accipiens ego ocio marcescens respondere nollem.

Caeterum domino suffraganeo Constantiensi literis supplicavi, ut »Apologeticum« (quem tu tantopere habere cupis) ad me mittat. Quando autem literae meae perlatae sunt per scribam monasterii nostri ad Iberlingen, doctor Melchior praesens non fuit. Quod si Apologeticum ad me miserit, tua humanitas eum quantoties a me habebit.

Demum si speculum Alberti Magni habueris, enixe peto, ut eiusdem libri mihi copiam facias. Scripsit plura vir ille (ut apud Graecos cognomen sortitus est) »polyphemos« in secretiori philosophia, sed non cuique obvia. Sed nec expediret, ut margaritae indiscriminatim et dignis et indignis comuniterr impartirentur.

Vale bene faeliciterque, integerrime doctissimeque vir.
Abbas meus salute sua dominationem tuam impertit sinceriter.

Ex Ottenpurrha 4. Kal. Maii 1535.

Bruder Nikolaus Ellenbog grüßt Johannes Eck!

Euer Brief, gelehrter und mir, solange ich lebe, teurer Freund, ist gut an mich gelangt. Ich antworte aber immer auf Briefe; sie werden aber nicht immer übergeben, wie ich an Eurem und dem Brief des Magisters JOHANNES WIEDEMANN mit Kummer erfahren habe. Magister JOHANNES WIEDEMANN schreibt, wie verärgert er war, auf seinen Brief keine Antwort erhalten zu haben. Daß auch Ihr meinen Brief nicht erhalten habt, habe ich mit Gewißheit erfahren, weil Ihr bis heute auf meine Bitten mit keinem Wort geantwortet habt. Das wollte ich Euch geschrieben haben, damit Ihr mich nicht der Trägheit oder Undankbarkeit zeihen könnt. Unwürdig wäre es, wenn ich als Empfänger eines Briefes von einem so gelehrten und vielbeschäftigten Mann in träger Muße nicht antworten wollte.

Weiterhin habe ich den Weihbischof von Konstanz brieflich gebeten, die »Apologie« (die Ihr so gern haben wollt) an mich zu senden. Als aber mein Brief durch einen unserer Klosterschreiber nach Überlingen gelangte, war Doktor MELCHIOR nicht zu Hause. Ich hoffe dennoch, in Kürze Brief und Bücher von ihm zu bekommen. Wenn er mir die »Apologie« geschickt haben wird, werdet Ihr sie sobald wie möglich von mir erhalten.

Schließlich: falls Ihr das sogenannte »Speculum« des ALBERTUS MAGNUS besitzt, bitte ich sehr, mir von dem Buch eine Abschrift anfertigen zu lassen. Jener Mann hat vielerlei geschrieben, wie er von den Griechen ja auch den Beinamen »Polyphem« (Vielschreiber) erhalten hat, besonders in Dingen der Geheimphilosophie, die aber nicht jedem zugänglich ist. Aber es würde nichts ausmachen, wenn die »Perlen« ohne Unterschied Würdigen und Unwürdigen zugänglich wären.

Lebt wohl und glücklich, treuester und gelehrtester Freund. Mein Abt läßt Euch freundlich grüßen.

Aus Ottobeuren, 28. April 1535.